
Jeden Abend, wenn Herr Obus zu Bett ging und das Licht ausschaltete, geriet er in tiefe Verzweiflung. Er fühlte sich plötzlich der Welt nicht mehr zugehörig, in der das feine Beziehungsgeflecht seiner Umgebung ihn vor jenen Ausschweifungen bewahrte, die nachts über ihn hereinbrachen. Die Leitplanken des Lebens, die seine Rastlosigkeit zu begrenzen wussten, fielen mit einem Male weg, sodass er auf sich selbst zurückgeworfen in der Dunkelheit seines Schlafzimmers nach Halt suchte. Doch sobald er mit sich alleine war, strömten die Eindrücke des Tages wie wildes Getier an ihn heran, um sich auf ihn zu stürzen. Die Gespräche, die er geführt, die Ideen, die er gehabt, die Menschen, die er getroffen hatte: alles schlug mit unerbittlicher Härte auf ihn ein, als hätte man nur darauf gewartet, ihn in der wehrlosen Haltung eines Einschlafenden zu überraschen. Verfehlungen, Versäumnisse und Enttäuschungen nagten dann an ihm, einen Gedanken nach dem anderen versuchte er abzuwimmeln, aber er fühlte eine Ohnmacht in sich aufsteigen, und seine erschlafften Gliedern besaßen nicht mehr die Kraft, die hartnäckigen Vorstellungen von sich zu weisen. Konnte er dann spüren, wie einer der ausgeworfenen Enterhaken sich in seinem Geist verfing, war es zu spät. Wie ein Rad, das sich nicht mehr zurückdrehen ließ, geriet seine Fantasie in Gang, die er tagsüber durch zahlreiche Beschäftigungen und Ablenkungen zu unterdrücken gewusst hatte.
In dieser Nacht war es ein junger Physikprofessor, dem er am Nachmittag in einer Buchhandlung begegnet war, der ihn nun in seinem Bett heimsuchte. Vor demselben Regal stehend hatten sie zur gleichen Zeit nach einem Roman gegriffen und ihre Hand reflexartig wieder zurückzogen, als sie die Intention des anderen bemerkten, und diese simple Interaktion hatte dafür gesorgt, dass sie beide in ein zögerliches Lachen verfielen und dem jeweils anderen den Vortritt zu überlassen versuchten. Herr Obus war vom Lächeln, das dabei auf dem Gesicht des adrett gekleideten Mitt-Vierzigers erschien, so vereinnahmt, dass er gar nicht merkte, dass man ihn in ein Gespräch über amerikanische Elite-Universitäten verwickelt hatte. Er sei für Gastvorlesungen im Bereich Quantenmechanik häufiger „drüben“, merkte der Professor an, was er mit einer knappen Kopfbewegung in Richtung des Ausgangs untermalte, und er nannte Stanford, Harvard und Princeton als seine zweite Heimat, deren Namen er er so beiläufig fallen ließ, als seien es alte Freunde, die er hin und wieder besuchte. Irgendwann würde er sich einmal dort niederlassen, die Aussichten an den Universitäten sei ja so viel besser als in Deutschland, doch Herr Obus hörte den Rest seiner Litanei da schon gar nicht mehr, denn unter dem Vorwand eines dringlichen Termins wünschte er dem Selbstdarsteller eine gute Reise und stürmte daraufhin aus dem Laden, völlig aufgebracht und die Inhalte ihres Gesprächs leise in sich hinein murmelnd. Die Gleichgültigkeit, mit der dieser junge Überflieger seine Ansichten dargelegt hatte, ärgerte ihn maßlos. Als könne einer so ohne Weiteres einfach in ein Flugzeug steigen und am anderen Ende der Welt einen Vortrag über Quantenmechanik halten. Als wäre das eine lächerliche Unbedeutsamkeit!
Im Bett dachte Herr Obus lange über seine Begegnung nach. Es war der Gedanke, der ihn am stärksten einnahm, der mit seinem Enterhaken am tiefsten in seinen Geist einzudringen vermochte, und nach und nach materialisierte sich vor seinen Augen ein Bild, das ihn nicht mehr losließ. Wie fühlte es sich an, in Amerika zu leben und zu arbeiten? Wie sähe sein Alltag als deutscher Professor in Harvard aus? Er würde auch dort im Stau stecken, jeden Morgen auf dem zehnspurigen Highway, und im Radio liefen die gleichen Songs wie hier, tagein tagaus. Da, auf der gegenüberliegenden Fahrbahn hatte es einen Unfall gegeben, und natürlich fuhren auch dort Schaulustige im Schneckentempo an den zerbeulten Autos vorbei, um einen Blick auf die Verletzten zu erhaschen. Wie die Geier!, rief Herr Obus eingepackt in seiner Bettdecke aus und warf sich schnaufend auf die andere Seite, um über der Erkenntnis, dass hier wie dort ein gesamt-moralischer Verfall um sich griff, in den Schlaf zu finden.
Doch seine Gedanken hatten sich da bereits verselbstständigt. Sein Auto fuhr mit ihm als Fahrer weiter über den Highway, und er kam erst mit einiger Verspätung an der Universität an, wo er mit Erstaunen die prächtigen Gebäude betrachtete, die sich über dem Campus verteilten: Eine hohe Glaskuppel in der Bibliothek, durch die das Sonnenlicht einfiel, Torbögen aus Sandstein, ein botanischer Garten, der die wildesten und exotischsten Pflanzen beheimatete; wie gern wäre er hier spazieren gegangen und hätte sich an den Eindrücken erfreut. Da fiel ihm ein, dass er gar nicht die Zeit hätte, all die wunderschönen Bauwerke mit der ihnen zustehenden Ehrfurcht zu betrachten. Er musste eine Vorlesung halten, in einem überfüllten, stickigen Hörsaal mit hunderten von Studenten, von denen ihm nur die allerwenigsten ihre Aufmerksamkeit schenken würden. Das Material, das er mitbrachte, wäre das gleiche wie all die Semester zuvor; keine Überraschungen, lediglich ein Herunterrattern des altbekannten Stoffs. Und am Ende kämen etliche Studenten zu ihm herunter, um ihn mit primitiven Fragen zu löchern, die er sichtbar gereizt beantworten würde.
Ja, alles in allem wäre es ein unaufdringliches, geordnetes und äußerst langweiliges Leben, wusste Herr Obus. Im Schutz seines Nachthemdes und der Bettdecke fühlte er sich plötzlich als Universitätsprofessor den Anforderungen einer amerikanischen Eliteuniversität gewachsen. Er konnte die Beiläufigkeit, mit der der Physikprofessor seine Reise untermalt hatte, nun besser nachvollziehen, und beinahe hatte er sogar Mitleid mit ihm.
Langsam löste sich der Enterhaken, und er empfing die wohlige Wärme und Zutraulichkeit des nahenden Schlafes. Aber seine Träumerei hatte ihr Ende noch nicht gefunden. Denn als er sich über den Highway zurück auf den Heimweg machte und erneut an der Unfallstelle vom Morgen vorbeikam, da schoss ihm ein grässlicher Gedanke in den Kopf: Was, wenn er selbst einen Unfall hätte und arbeitslos würde? Ein unachtsamer Autofahrer ihn mit seinem gewaltigen, hochmotorisierten SUV erfassen und über die Straße schleudern würde? Gerade so lang, dass er seinen Verletzungen nicht erlag, aber doch heftig genug, dass er keiner Arbeit mehr nachgehen könne? Kämen die Versicherungen für den Schaden auf? Das Sozialsystem in den USA hinkte dem deutschen um ein Vielfaches hinterher, das war Tatsache. Zu der Familie hatte er seit seiner Auswanderung nur sporadischen Kontakt, sie konnte er also nicht um Hilfe bitten. Was würde mit der teuren Wohnung passieren? Sein Vermieter wäre selbstverständlich ein Verbrecher, der ihn als naiven Ausländer um jeden Groschen zu prellen versuchte. Er käme nachts unangekündigt zu ihm nach Hause und würde mit den Fäusten gegen die Tür trommeln, um sein Geld einzutreiben. Kurz darauf würde er die Polizei verständigen und er selber auf der Straße landen. Dann verlöre er auch seine Anstellung, würde gedemütigt und verarmt an der Tafel (gab es so etwas in Amerika?) nach Essen verlangen, ehe man ihn auch dort abwies, sich unter einer Brücke mit Crystal Meth volldröhnen und nach Wochen des Bettelns und Umherirrens morgens in einem Park als Drogenleiche von einer Joggerin aufgefunden werden.
Schweißgebadet und mit hämmerndem Herzen sprang Herr Obus im Bett auf. Er schaltete das Licht ein und versuchte die Fühlung zur Welt wiederherzustellen, die ihm abhanden gekommen war. Er brauchte etwas, das die Strömung seiner Gedanken in Zaum halten, etwas, das er anfassen und zu Wirklichkeit werden lassen konnte. Wie betrunken torkelte er über den Flur, stieß gegen einen Schrank und wühlte dort in der Schublade. Schließlich fand er seinen Reisepass, öffnete ihn und atmete auf. Er war seit vier Jahren abgelaufen. Der Gedanke beruhigte ihn, denn ohne gültigen Reisepass keine Einreise. Man würde ihn wieder nach Hause schicken, noch bevor er überhaupt ins Flugzeug hätte steigen können. Kein Autounfall, kein schäbiger Vermieter, keine Drogensucht. Er glitt zurück ins Bett, den Reisepass fest umklammert, und sank in einen tiefen und ruhigen Schlaf. Professor in Amerika zu sein erschien ihm ein unerträgliches Schicksal.