
Der Zukunftssäufer betrinkt sich an dem, was noch kommen wird. Jede Vorhersage, die er liest oder hört, füllt er in kleinen Fläschchen ab, leert sie in einem Zug und ist für Stunden der Gegenwart enthoben. Ganz gleich, ob es sich um das Wetter, eine bevorstehende Kriegserklärung zweier verfeindeter Nationen oder einen möglichen medizinischen Fortschritt handelt: der Zukunftssäufer trinkt alles, was ihm nach Morgen oder Übermorgen dünkt, je ungenauer die Prognose, desto besser. Droht ein Rausch abzuklingen und die Welt des Jetzt ihn mit scharfen Krallen wieder einzufangen und unters grelle Licht der Wirklichkeit zu zerren, ergreift er rasch die Flucht nach vorn und stürzt sich in den Wirtschaftsteil der Tageszeitung. Die Berechnungen einer schrumpfenden oder leicht wachsenden Konjunktur, eine sich womöglich verstärkende Rezession, Inflationszahlen oder demnächst fallende Aktienkurse sind sein Allheilmittel, denn hier sind Vorhersagen eine Notwendigkeit und Zukunftsaussichten die Ware, mit der gehandelt wird und mittels derer er sich sediert.
Erblickt der Zukunftssäufer irgendwo ein Jahr, das noch in weiter Ferne liegt, wird ihm ganz schwindlig. Er denkt dann an die Zeit, die er bis dahin zu überbrücken hat, an all die möglichen und unmöglichen Ereignisse, die währenddessen stattgefunden haben könnten, aber bislang von niemandem in Betracht gezogen wurden. Er wird vorstellig bei Radiosendern und Lokalzeitungen, um sie um eine Vorhersage anzuflehen, einen Ausblick, eine Ahnung, irgendetwas, an das er sich klammern kann. Aber in den Redaktionen weist man ihn stets zurück, denn ohne handfeste Gründe käme niemand auf die Idee, sich zu einer wie auch immer gearteten Prognose zu versteigen, und sollte ihm sein Horoskop keinen ausreichenden Blick in die Zukunft erlauben, könne er sich schließlich Karten legen lassen. Dem Zukunftssäufer ist die Gleichgültigkeit seiner Mitmenschen gegenüber dem Kommenden zuwider, und wenn er zu Hause ist, bricht er aus Zorn einen seiner besten im Keller stehenden Jahrgänge an, in denen Krisen und Katastrophen vorherrschen sollen. Diesen trinkt er leer, bis zum letzten Tropfen, legt sich ins Bett und träumt von sich als Reinkarnation des Orakels von Delphi.
Irgendwann, glaubt der Zukunftssäufer, sind alle Voraussagen in der Welt getroffen worden, alle Weissagungen aufgebraucht, und vor diesem Tag graut es ihm. Schon jetzt verbringt er manchmal Wochen mit der Suche nach neuen, unbekannten Meldungen, findet so etwas wie eine Andeutung oder Vermutung und schlürft sie dann direkt aus der Zeitung, aus Angst, sie könne beim Abfüllen in eine Flasche etwas von ihrem Volumen einbüßen. So durchforstet er die Nachrichten wie ein Süchtiger und ärgert sich, wenn das Tagesgeschehen zu viel Raum einnimmt, das Gegenständliche dem Wahrscheinlichen gegenüber den Vorzug erhält. Zukünfte werden dann zur Gewissheit, die Wirklichkeit fällt ins Haus, und ehe der Zukunftssäufer sich versieht, hat die Gegenwart ihn wieder eingeholt. Lang ist es her, da hat er auch von ihr gekostet, in der Not, und er schämt sich bis heute für diese Schwäche. Ihr bitterer und hoffnungsloser Geschmack liegt ihm noch immer auf der Zunge, und lieber vertränke er seinen Kellervorrat noch einmal bis zur Neige, als sie wieder in sich aufzunehmen.