
Der süßliche Holunderblütenduft verursachte ihm Kopfschmerzen. Wieso hatte er den frisch gepflückten Strauch auch genau neben ihn stellen müssen, wo er doch wusste, dass er den Geruch nicht ausstehen konnte? Der Vater streckte sich im Sessel, um die Vase auf dem Beistelltisch ein wenig von sich zu schieben, fiel dann aber schnaufend wieder zurück, als hätte ein Blattschuss ihn niedergestreckt. Wo war der Gehstock, wenn man ihn brauchte? Er hatte das Ding verflucht und vor kurzem irgendwo in der Wohnung achtlos in die Ecke geworfen. Das war wieder so ein Einfall von Martin gewesen. Er konnte früher stundenlang durch den Wald marschieren, war lange, anstrengende Jagden gewohnt, und jetzt sollte er auf eine Gehhilfe angewiesen sein? Aber so bevormundend war er schon seit längerem, befand der Vater. Erst neulich hatte er ihm ein ungenießbares Stück Fleisch serviert, das viel zu stark durchgebraten, zäh und sehnig war. Er vermisste die Zeiten, als Sina für ihn gekocht hatte. Sie besaß Talent in der Küche, das ihrem Bruder gänzlich abging. Aus reiner Höflichkeit hatte er bislang geschwiegen und verheimlicht, wie er zu den Kochkünsten seines Sohnes stand. Aber damit war jetzt Schluss. Der Braten, die Blumen, der Gehstock: Es reichte. Er litt lange genug unter den Launen und der Willkür. Heute war der Tag, an dem er ihm die Wahrheit ins Gesicht sagen würde.
„Martin?“
Keine Antwort.
Diesmal lauter: „Martin!“
Er stöhnte und fluchte, suchte links und rechts nach seinem Gehstock und war gerade dabei, seine letzten Kräfte aufzuwenden, um sich aus dem Sessel zu erheben, als die Wohnungstür aufging und ein junger Mann eintrat, eine vollgepackte Einkaufstüte unter dem Arm.
„Du bist schon wach?“, fragte er, stellte den Einkauf im Flur ab und ging zu seinem Vater, um ihm die heruntergefallene Decke wieder umzulegen.
„So ist es besser, nicht? Du bist schon ganz kalt geworden.“
„Ich möchte im Wald spazieren gehen“, sagte der Vater und versuchte sich von seiner Last wieder zu befreien. Aber die Decke lag wie Blei auf ihm.
Martin schüttelte den Kopf. „Der Arzt sagt, du brauchst Ruhe. Keine Spaziergänge.“
Der Vater machte eine abwehrende Handbewegung.
„Deine Schwester hätte mich gehen lassen. Ja, sie wäre sogar mitgegangen. So wie damals. Du warst nie mit. Hattest keine Zeit, warst immer irgendwo unterwegs.“
Martin stand bereits in der Küche, um den Einkauf einzuräumen. Der Vater schaute sich derweil im Wohnzimmer um und fragte erstaunt:
„Wo ist denn Sina? Sie wird doch sicher zum Abendessen kommen, oder?“
Es raschelte und klapperte in der Küche, und nach einer Weile antwortete Martin:
„Sina wohnt in der Schweiz.“
Der Vater seufzte kurz, fügte dann jedoch entschlossen hinzu:
„Du hättest sie dennoch einladen sollen. Man lädt seine Schwester zum Essen ein, selbst wenn sie in der Schweiz wohnt. Du hättest mir auch davon erzählen können, dass sie nicht kommt. Aber du redest ja ohnehin kaum mehr mit mir. Vorhin, als ich dich gerufen habe, hast du auch nicht geantwortet. Ich könnte tot umfallen wie eine Stubenfliege und du würdest es nicht einmal bemerken. Deine Schwester hatte immer ein offenes Ohr für mich.“
„Ich habe dich nicht hören können, weil ich einkaufen war“, antwortete Martin, und ließ ein kurzes Scheppern folgen, wie von einer zugeworfenen Schublade. „Und ich habe dir nicht erzählt, dass sie heute nicht kommt, weil sie bereits seit fünf Jahren in der Schweiz wohnt.“
Der Vater stieß einen leisen Pfiff aus. „Fünf Jahre, soso.“
Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens schoss er im Sessel plötzlich hoch wie ein aufgeschreckter Vogel.
„Aber dann sollten wir sie besuchen! In der Schweiz gibt es auch Wälder. Wir machen eine Wanderung und ich schieße uns ein Reh, so wie damals! Wir könnten heute noch mit dem Zug erster Klasse in die Schweiz fahren.“
Er war ganz aufgebracht, rüttelte und schüttelte an der Decke, aber konnte sich von ihr nicht losmachen. Martin, der die Unruhe mitbekam, rannte aus der Küche ins Wohnzimmer und fand seinen Vater wild strampelnd im Sessel, von einer Seite zur anderen schaukelnd.
„Sitzenbleiben!“, befahl der eine.
„Loslassen!“, schrie der andere.
Martin versuchte ihn wieder nach unten zu drücken, der Vater kratzte und schimpfte, und beide rangen so heftig miteinander, dass sie den Beistelltisch umstießen und die dort stehende Vase herunterfiel, die mit einem Knall zu Bruch ging.
Erschöpft sank der Vater zurück, während Martin Eimer, Besen und Kehrblech holte und stumm die Scherben vom Boden auflas. Der Vater beobachtete ihn dabei mit leblosem, glasigem Blick und sah den Holunder im Eimer und seinen Sohn in die Küche verschwinden, wo er die unterbrochene Vorbereitung für das Abendessen wieder aufnahm.
Hier, am Küchentisch sitzend, schnitt er soeben das erste Stück aus dem Rindfleisch heraus, als er einen Schatten an der Tür sah und dort seinen Vater, gestützt auf seinen Gehstock, erkannte.
„Hast du etwas dagegen, wenn ich dir ein wenig helfe?“
Martin verneinte stürmisch, sprang von seinem Platz auf und führte seinen Vater an den Tisch. Er reichte ihm ein Messer, und beide saßen sie daraufhin still beisammen. Nur das Geräusch ihrer sorgfältigen Schneidebewegungen war zu hören.
„Das Fleisch ist leider nicht besonders zart“, sagte Martin fast entschuldigend. „Sina hätte mit Sicherheit ein Festessen daraus zubereitet.“
Der Vater schaute auf zu seinem Sohn, aber er sah weder dessen Gesicht noch die roten Kratzspuren an seinem Arm, sondern allein den hinter ihm in der Spüle liegenden Holunderstrauch, dessen rosafarbene Blütenblätter mit ihren Köpfen über dem Rand hingen. Und da war es, dass ihr Anblick zusammen mit dem hölzernen Messergriff in seiner Hand ihn in den Wald von damals zurückführten, an jenen Tag, als er und Martin bei ihrer gemeinsamen Wanderung auf einen gleichfarbigen Holunder gestoßen waren, der an einer Böschung wuchs und den er mit seinem Klappmesser vorsichtig aus dem lichtgrauen Erdboden getrennt hatte. Und als er sich daran erinnerte, wie er die Nase ganz nah an die Dolden gehalten und ihren süßlichen Duft eingeatmet hatte, da machte sich ein Lächeln auf seinem Gesicht breit, und er sagte:
„Es wird ganz bestimmt gelingen. Du warst schon immer der bessere Koch.“