Die Spurlose

Die Spurlose macht sich auf den Weg, ohne dass man es ihr ansieht. Kein Anzeichen von Aufbruch, weder ihr Gesicht noch ihre Bewegungen verraten sie. Niemand hat je gesehen, wie sie verschwindet, sie war gerade noch da, und plötzlich ist sie weg. Die Nachbarn stehen Spalier vor ihrem Haus, einmal möchte man sie erwischen, doch die Spurlose kommt und geht, ohne einen Abdruck zu hinterlassen. Auch der Ruß, den man morgens heimlich vor ihre Haustüre kippt, ist am Abend noch frisch und unberührt, obwohl jeder sie hat ausgehen sehen, aber einen Beweis dafür kann niemand liefern. Nach heftigem Schneefall ist man sich seiner Sache sicher, sie endlich zu überführen. Doch sie zeichnet ihre Fußabdrücke so geschickt nach, dass sie in jeder Ecke der Stadt zugleich auftauchen, lächelt über die Verwirrung und wandelt weiter in unverfolgbaren Sphären.

Die Spurlose könnte das perfekte Verbrechen begehen, sodass man ihr ständig Geld für Auftragsmorde und Diebstähle anbietet, aber sie hat ein viel zu reines Gewissen, um aus ihrer Unerkanntheit Profit zu schlagen. Jeder ungelöste Fall wird ihr damit zum Verhängnis, denn wenn es keine Spuren gibt, ist die Spurlose nicht weit, argumentieren die zuständigen Mordkommissionen, ohne ihr freilich etwas nachweisen zu können. Sie verbringt Tage auf der Polizeiwache und wird verhört, nur um erneut ungesühnt nach Hause geschickt zu werden. In diesen Momenten, wenn ihre Schuldigkeit zum wiederholten Mal nicht festgestellt werden konnte, wünscht sie sich, man würde ihr etwas anhängen, eine winzige Fährte ausmachen, die zu ihr führt. So könnte sie allen zeigen, dass auch sie in der Lage ist, etwas auf der Welt zu hinterlassen, und sei es nur ein Haar oder ein Fingerabdruck am Tatort.

Kein Eintrag existiert von der Spurlosen, in keinem einzigen Verzeichnis taucht sie auf und auch kein Grabstein wird je von ihrem Leben bezeugen. Jeglicher Eindruck, den sie bei anderen hinterlässt, verwischt in Sekundenschnelle, und nie kann jemand, der sie soeben erst kennengelernt hat, sich an ihren Namen, ihr Gesicht oder ihre Stimme erinnern. Wenn ihre Fortgänge länger unbemerkt bleiben, werden schließlich auch die ihr nahestehenden Menschen zuerst taub, dann stumm und schließlich blind gegenüber der Spurlosen, verlieren den Zugang zu ihr und übersehen und -hören die Signale, die sie bei ihrer Rückkehr für sie aussendet.

Eines Morgens wird die Spurlose aus ihrem Haus gehen und verschwinden, diesmal für immer. Eine Zeitlang wird man sie suchen, erfolglos, bis man eine Vermisstenanzeige aufgibt und darauf hofft, sie irgendwann wieder wahrnehmen zu können. Aber sie wird niemandem von ihrem Schicksal berichten, sich in die Wüste begeben und dort stille Kreise ziehen, die nur von anderen Planeten aus zu sehen sind. So versucht sie einen unvergänglichen Abdruck von sich zu setzen und endlich denjenigen sichtbar zu werden, die ihre Zeichen richtig deuten.

Nach oben scrollen