Weggefährte

Der Tag, an dem Franz Brugger starb, fiel zusammen mit dem Aufblühen der ersten Primeln. Die Blumen, auf die ich vom Fenster meiner Kinderstube aus jeden Morgen nach dem Aufwachen herabsehen konnte und die in ihren bunten Farben ein Quell der Freude für mich waren, sind mittlerweile jedes Jahr zum Frühlingsanfang mit einem Gefühl von Wehmut verbunden, die mich bei der Erinnerung an meinen ehemaligen Kameraden überkommt. Wenn ich dann derart eingenommen bin von den Gedanken an ihn, an seine Worte, seine Bewegungen, seine ganze Person, glaube ich hin und wieder sogar, ihm auf der Straße über den Weg zu laufen. Meist ist es ein ähnlich aussehender Junge in Uniform, dessen ziellos dahintreibender Gang mich in die Irre führt. Aber bisweilen gleicht der unbekannte Passant dem Franz meiner Erinnerung nicht im Geringsten, und dennoch ist mir in diesem Moment, als wären meine tief verborgenen Sehnsüchte für einen kurzen Augenblick an die Oberfläche gedrungen und in das Antlitz des Vorübergehenden gefahren, der mir mit seinen dunklen Augen ein stilles Einverständnis zu geben scheint, ehe er gleich darauf in einer Seitenstraße verschwindet. Diesen geisterhaften Erscheinungen zum Trotz will ich versuchen, ein genaues Abbild von ihm zu zeichnen und ihn so darzustellen, wie er mir im Frühling des Jahres 1890 gegenübertrat, als wir uns zum letzten Mal sahen. Unsere erste Begegnung lag da schon länger zurück, als ich von ihm und seinen Bestrebungen, Kadett zu werden, noch nichts wusste.

Franz’ Familie wohnte zu dieser Zeit am Ende einer langen, von Pappelkolonien umsäumten Allee, in einem zweistöckigen, herrschaftlichen Landhaus, das von seinem Vater, einem Kaufmann und Warenhändler, aufgekauft und eigenhändig renoviert worden war. Das schmiedeeiserne Einfahrtstor ist mittlerweile verrostet, seine Spitzen zerbrochen, und zwischen den Pflastersteinen wachsen Löwenzahn und Distelblüten. Doch damals wimmelte das Brugger’sche Anwesen täglich von Kaufleuten, Droschken und Laufburschen, die Trubel und Geschrei wie auf einem Jahrmarkt verursachten. Einst ging ich mit zwei Freunden dorthin, um Zeuge dieses lebhaften Tumults zu werden, von dem allenthalben in unserer Nachbarschaft die Rede war. Hinterm Zaun blickten wir auf ein wirres, unübersichtliches Treiben, bei dem Fracht aufgeladen und Fässer gerollt wurden, wo Stimmen sich überschlugen und Peitschenhiebe durch die Luft knallten. Es roch nach Gewürzen, Holz und Pferdedung, und immer zog man unwillkürlich den Kopf ein, wenn eine schwer beladene Kutsche über das Pflaster knatterte und die Allee hinab verschwand. Inmitten des ganzen Durcheinanders sah ich eine hochgewachsene Gestalt, gekleidet in einen dunklen Paletot und mit einem schwarzen Zylinder auf dem Kopf. Das war Hermann Brugger, eine ganze Armee an Fahrern, Händlern und Dienstboten dirigierend, die allesamt auf sein Kommando hörten, die Richtung änderten, wenn er es befahl, losfuhren, wenn er das Signal gab und sich an ihn wandten, wenn sie eine Frage hatten. Er wirkte dennoch stets ruhig und gelassen, auf seinem Gesicht keine Spur von Aufregung oder gar Bosheit, eher ein wohlwollendes Lächeln, das dort zu sehen war und das er jedem schenkte, der mit einem Anliegen an ihn herantrat. Besonders mit einem von ihnen schien er eine Engelsgeduld zu haben. Neben ihm stand ein kleiner, untersetzter Junge von vielleicht zehn Jahren, der bei jedem Geräusch vor Schreck zusammenfuhr und, sich in den Mantel seines Vaters krallend, ständig auf die Lippen biss, dabei den Kopf mit seinem strohblonden Haar schüttelte, als wolle er damit die Welt und all ihre Gefahren von sich abwerfen. Er machte einen allzu kläglichen Eindruck zwischen dem Sausen und Brausen um ihn herum, aber sein Vater schalt ihn deswegen kein einziges Mal. Stattdessen beugte er sich zwischen seinen Ausrufen und Befehlen sogar immer wieder zu ihm hinab, um ihm auf die Stirn zu küssen. Nach einer Weile schien der Junge dadurch seine Angst verloren zu haben und machte sich vom Mantel seines Vaters los. Völlig unberührt von all der Hektik, wandelte er über das Grundstück, fand hier und dort einen Stein, den er in seiner Tasche verschwinden und ihn anschließend auf dem zartblauen Wasser des kleinen Teichs springen ließ, oder starrte mit regungslosem Blick den Pferden auf ihre zitternden Nüstern, die vom langen Ritt über die Dörfer qualmten und weißen Dampf ausstießen. Irgendwann ließ er sich auf den Treppenstufen des Hauseingangs nieder und blätterte in einem dicken Buch, das die drolligsten Reaktionen bei ihm auslöste und ihn noch in seinen Bann gezogen haben musste, als wir Familie Brugger und ihr Anwesen längst hinter uns gelassen hatten.

Noch einige Zeit danach dachte ich an ihn und seinen geistesabwesenden Gang über das Grundstück, vergaß ihn dann aber, als das Leben mich mit seinen Anforderungen und Pflichten wieder einholte. Erst zwei Jahre darauf sah ich ihn erneut, diesmal während des Begrüßungsappells an der Hauptkadettenanstalt zu Lichterfelde in Berlin, um unsere Offiziersausbildung anzutreten. Sein Aussehen hatte sich kaum verändert, die kindlichen Gesichtszüge waren geblieben, nur gewachsen war er ein wenig. Ansonsten machte er auf mich weiterhin den Eindruck eines Aussätzigen, ließ sich während des Appells von einigen Rotkehlchen ablenken, die über uns kreisten und blieb schließlich mit dem Blick am Idstedt-Löwen hängen, einer auf einem gewaltigen Sockel thronenden Statue, die den Hof überwacht und die er nicht aus den Augen ließ, selbst als wir anderen vom Hauptmann bereits in unsere Stuben gescheucht wurden.

Gleich in der ersten Sportstunde mussten wir Franz’ Füße aus den Turnringen befreien, in die er weiß Gott wie hineingeraten war, während er wie ein Fisch an der Angel hin und herzappelte. Halb belustigt, halb verärgert rieten wir ihm zu mehr Aufmerksamkeit, woraufhin er sich artig bedankte und seinen Leichtsinn mit der aufgeregten Gemütsverfassung entschuldigen ließ, die die Begegnung mit dem Neuen und Unbekannten eben so mit sich brachte. Aber auch an den darauffolgenden Tagen ertappten sowohl wir als auch die Erzieher ihn bei Gedankenlosigkeiten, die außer durch einen ungeheueren Unwillen nur durch nicht minder große Beschränktheit zu erklären waren. Zum Frühappell erschien er stets als Letzter, mit ungekämmten Haaren, ungewaschenem Gesicht und nicht polierten Knöpfen, die der Stubenälteste immerzu einzeln abriss und zu Boden warf, damit Franz sie in seiner Freistunde wieder annähen durfte. Seine Dienstwaffe war durch unsachgemäße Verwendung zu jeder Zeit entweder verdreckt oder verstopft, sodass er den Großteil seiner Ausbildung mit dem Reinigen verbrachte. Und wenn er es doch einmal schaffte, zum Zapfenstreich pünktlich mit den anderen Kameraden im Bett zu sein, erwischte ihn der Stubenälteste dabei, wie er unter der Decke mit einer Gaslampe in einem Buch schmökerte, das er nur unter großem Geheule aushändigte. Wie von Zauberhand lag am nächsten Tag jedoch dasselbe Exemplar wieder in seinen Händen, sodass man ihm diesen kleinen Ungehorsam erlaubte. Er verfiel der Liederlichkeit dort, wo sie geboten war, und bewies Ordnung, wo sie ihm nichts einbrachte. Als ich einmal einen Blick in seinen Spind werfen konnte, vor dessen Spiegel er sich soeben betrachtete, sah ich sein ganzes Hab und Gut in kleinen Kästchen und Schächtelchen sortiert: Nähzeug, Knöpfe, Kamm und Bürste, Stifte und Papier, Litzen, Hauben sowie Handschuhe und Koppel, darüber hingen an Kleiderbügeln Uniformen, Tuchhosen, Anzüge und Westen, alles in nie gekannter Ordentlichkeit nebeneinander. Es gibt Kadetten, die ein unerschütterliches Bewusstsein ihrer eigenen Untauglichkeit besitzen und sie vor den anderen verbergen, aus Scham oder Sorge, jemand könne sie ihm vorhalten und ihn als Schwächling schimpfen. Franz hingegen stellte seine Makel öffentlich zur Schau und versteckte seine Vorzüge als Kadett, so dass niemand sie bemerkte.

Ein Ereignis ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, das als Auslöser des sich im Frühling zugetragenen Vorfalls bezeichnet werden kann.

Einmal im Jahr findet auf dem Anstaltsgelände ein Kaisermanöver statt, das die militärische Stärke der preußischen Armee hervorheben soll und auf das die Kadetten in wochenlanger Übung vorbereitet werden. Wir hatten einen Flankenangriff auf ein besetztes Gelände zu proben, bei dem wir die feindlichen Truppen überraschen und einkesseln sollten. Hierfür wurden wir in zwei Kompanien gleicher Größe eingeteilt, die entweder den Platz vor dem Löwen verteidigen oder in diesen einfallen würden. Mir fiel die Rolle des Angreifers zu, und so ging es Tag für Tag, Stunde für Stunde mit immer denselben Kommandos des Truppenführers über den Platz bis ans Ziel und wieder zurück: „Links kehrt!“ – „Sprung auf, Marsch!“ – „Vorwärts!“ – „Wehren vor!“ – „Austreten!“ Da fiel mir ein Kamerad ins Auge, hoch aufgeschossen, mit langgliedrigen Fingern, in denen die Waffe wie Spielzeug anmutete und an der der Ernst des Manövers vorbeizugehen schien. Er redete, mehr mit sich selbst als zu uns, aber doch so, dass jeder in seiner Nähe ihn verstehen konnte: „Flanke hoch, Flanke runter, Linie auf, Linie wieder zu. Wofür? Damit der Kaiser applaudiert? Hat ihn überhaupt jemand gesehen, oder ist er so erfunden wie all die Kriege, die uns angeblich bevorstehen?“ – „Sei still du“, zischte ein anderer von der Seite. „Wenn der Hauptmann das hört, kannst dich warm anziehen. Wir üben schließlich für den Ernstfall. Mit echter Munition hätte man dich schon längst in den Straßengraben gekehrt.“ – „Wir spielen Theater, das ist es!“, rief Walter plötzlich mit erhobener Stimme, ohne auf die Worte des anderen acht zu geben. „Wir haben Kostüme an und folgen den Befehlen des Direktors, der allen eine hübsche Aufführung bieten möchte. Jeder von uns hat seine Rolle zugewiesen bekommen für diese Schmierenkomödie. Und am Ende fällt der Vorhang und das Publikum, in der kaiserlichen Loge sitzend, hebt oder senkt den Daumen.“ So ging es einige Zeit hin und her, bis wir uns einschalteten und die zwei Streithähne voneinander trennten.

Am Morgen des Manövers lag der Schnee so hoch und schwer vor den Fenstern unserer Schlafsäle, dass wir sie zu viert aufstoßen mussten. Eine weiße Decke hatte sich über die Anstalt gelegt, nirgends ein Fluchtpunkt, an dem ich mich hätte orientieren können, alles floss zueinander auf einer einzigen, hell leuchtenden Ebene. Wir schaufelten die Plätze vom Schnee frei, doch der Niederschlag wurde von Stunde zu Stunde heftiger, sodass binnen kürzester Zeit alles wieder in dichtes Eis gepackt war. Das Gesicht des Truppenführers, verdeckt von weißen Kristallen, erschien vor uns im Schneesturm und forderte uns auf, Stellung einzunehmen. Die Truppen teilten sich auf, ich rückte an das hinterste Ende der Kompanie, von wo aus ich die schneebedeckten Mützen der Kameraden überblicken konnte. Schräg vor mir stand Walter, dessen Finger aussahen wie lange Eiszapfen. Wir warteten endlose Minuten wie angewurzelt auf unserer Position und auf das Zeichen, losstürmen zu dürfen, als plötzlich alles ganz schnell ging und wir im Pfeifen des Windes das „Vorwärts, vorwärts!“ vernahmen, das von irgendwoher und undeutlich wie aus einer anderen Welt zu uns drang. Die Schritte durch den knietiefen Schnee waren quälend langsam, als bewege man große, schwere Maschinen durch einen Sumpf, und nach und nach fiel ich ins letzte Glied zurück, bis ich vom Angriff nahezu abgeschottet war. Um mich herum war nur das heftige Atmen und der unter den Schuhsohlen knirschende Schnee der Kadetten zu hören, die aussichtslos gegen den vermeintlichen Feind und die Kälte ankämpften. Im letzten Abschnitt, dem Platz vor dem Löwen, herrschte mit einem Mal eine gespenstische Stille auf dem Hof, und niemand war sich sicher, ob das Manöver geglückt oder längst abgebrochen worden war. Alle Blicke suchten den Truppenführer, um eine Bestätigung zu erhalten, als ein Schrei aus der Mitte unserer Truppe hervorbrach: „Schnell, hol jemand Hilfe! Den Prieshoff hat’s erwischt!“ In dem Gewühl sah ich Walter auf dem Boden liegen, die Augen wild zuckend in den Himmel gerichtet, aus dem nur noch einzelne Schneeflocken rieselten und auf seiner Stirn liegenblieben, wo sie langsam zerschmolzen. Sein ganzer Körper bebte, und aus seinem zitternden Mund war kein Wort zu verstehen. Wie ein Wahnsinniger schlug er dabei mit den Fäusten auf den Boden, dass der Schnee in alle Richtungen flog. Es war ein schauriger Anblick, als hätte ein böser Geist sich seiner bemächtigt. Als er sich verausgabt hatte und nur noch zu frösteln schien, machten wir uns daran, ihn aufzunehmen und die Stube zu tragen. Da fiel in das Vorhaben ein leises Wimmern, ein ungleichmäßiges Schluchzen. Ein Kamerad, gebückt und in Tränen aufgelöst, fluchte und schimpfte mit sich selbst und kam kaum zur Ruhe. Unter der verschneiten Mütze erkannte ich schließlich die blonden Haare, und dazu hörte ich immer wieder eine tränenerstickte Stimme: „Es ist meine Schuld, alles ist ja meine Schuld! Hätte ich doch nur meinen Mund gehalten!“

Vielen von uns war klar, dass es sich um einen unglücklichen Zufall gehandelt haben musste und Franz wenig mit dem Anfall zu tun hatte. Walter war ins Lazarett gebracht worden, wo man ihn untersucht und neben einer Unterkühlung eine Form der Epilepsie diagnostiziert hatte. Doch nicht alle waren mit dieser Erklärung zufrieden, manche wollten in Franz’ Aufsässigkeit eine sich über die ganze Anstalt ausbreitende Seuche erkennen, die die anderen Kadetten infizierte. Zwei Kameraden taten sich hier besonders hervor und verlangten eine Bestrafung für all die Exzesse, die er sich erlaubt hatte, wollten ihn sogar aus dem Dienst entlassen. Es war eine erhitzte Stimmung in der Stube, viele fühlten sich noch durch das Kaisermanöver getäuscht, als jemand – ich weiß nicht mehr, wer es war – das Wort „Isolierbaracke“ in den Mund nahm. Man dachte eine Weile darüber nach, manchen ging diese Strafe jedoch nicht weit genug, andere hingegen hielten sie für überzogen, beinahe barbarisch. Johann, ein kleiner Kamerad mit schlauen Augen und borstigem Haarschnitt, schlug kurzerhand eine Abstimmung vor, und so sammelte man Zettel, auf die jeder ein X zu schreiben hatte, wenn er für die Isolierbaracke stimmte, oder den Zettel unbeschrieben in die Feldmütze warf, die zwischen uns die Runde machte. Als er das Ergebnis verkündete und anmerkte, dass es lediglich zwei Stimmen gewesen seien, die den Ausschlag gegeben hätten, konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Fortan begann für Franz eine Zeit der Qualen und Erniedrigungen. Nicht nur, dass man ihn ohne Wasser erst für eine, dann für zwei Nächte in die Isolierbaracke sperrte. Man fand auch seinen Büchervorrat und verbrannte ihn, brachte seinen Spind durcheinander, versteckte die Knöpfe seiner Uniform und legte vor den Wanderungen Steine in seinen Rucksack. Einmal kam er aufgebracht zu mir und berichtete, man habe seine Dienstwaffe mit Zement versiegelt. Ich weiß nicht, woher er das Vertrauen nahm, ich könne mit all diesen Hänseleien nichts zu tun haben, und tatsächlich hielt ich mich raus, wann immer Johann einen neuen Einfall hatte, wie man Franz endgültig brechen könnte. Eines Tages nahm ich ihn beiseite und fragte, ob es nicht genug der Strafe sei, woraufhin er mir zu verstehen gab, dass er kein Mitleid mit Verrätern habe, und wenn ich mich nicht klar auf seine Seite stellen würde, dann sei ich „keinen Deut besser als der.“ Auch die anderen Kameraden fanden schließlich, dass Johann eine Grenze überschreite. Der Denkzettel, den man Franz habe verpassen wollen, sei bei ihm ja längst angekommen, seine Gedankenlosigkeiten immer seltener geworden. Er wusch sich morgens, habe vom Unteroffizier sogar eine Auszeichnung beim Turnen erhalten! Aber Johann ließ sich nicht beschwichtigen, sah in allem nur Gefahren für sein eigenes Fortkommen und in Franz ein Opfer, an dem er seine Machtgelüste steigern konnte, sodass Wochen vergingen, in denen Franz kein Auge zutat, ohne an die Ereignisse des folgenden Tages denken zu müssen.

Als man dachte, ohne ein Einschreiten unsererseits würde das Ganze nie ein Ende nehmen, kam es zu einer eigenartigen Verkündung Johanns. Es sei an der Zeit, sagte er, dass man sich aussöhne, denn eine Feindschaft könne nicht ewig aufrecht erhalten werden, die schließlich auch eine Belastung für die ganze Truppe darstelle. Er lud Franz deshalb ein, sich mit ihm im Offizierskasino zu treffen, er kenne da einen Platz, bei dem man vor den Blicken der anderen sicher sei und wo sie ungestört mit einem Schoppen auf ihre Kameradschaft anstoßen könnten. Einem jeden von uns war klar, dass dies nur ein weiterer Versuch war, Franz zu demütigen und dass das Kasino dafür die nötige Ruhe und Abgeschiedenheit bot. Was er genau im Schilde führte, konnte ihm jedoch keiner entlocken, und er beteuerte so gewissenhaft immer wieder seine Unschuld, dass nach und nach jeder von uns seine Zweifel ablegte und schließlich auch ich von seinen Versöhnungsabsichten überzeugt war. Franz, von Natur aus gutgläubig, versicherte uns, dass er beim kleinsten Anzeichen eines Hinterhalts die Flucht ergreifen würde. Gegen zehn Uhr abends, nach dem letzten Rundgang des Stubenältesten, sah ich ihn vom Fenster unseres Schlafsaals aus zum Offizierskasino aufbrechen, im Mondschein über den gepflasterten Weg hinwegschreiten und zwischen den Blumenbeeten verschwinden, die an diesem Tag die ersten erschlossenen Blüten hervorgebracht hatten. Dieser letzte Anblick von ihm, sein goldgelbes Haar, das zwischen dem Beet wie eine weitere Blume erschien und das ich nie wiedersehen sollte, habe ich in mir verschlossen und aufbewahrt wie eine Kostbarkeit. Manchmal träume ich von diesem Bild, sehe mich mit den Fäusten an die Fensterscheibe hämmern und ihm nachrufen, doch die Stimme versagt mir, und er geht weiter, ohne sich umzudrehen. Etwa eine Stunde später – wir lagen längst im Bett und hatten die Lichter gelöscht – gab es einen lauten Knall im Norden der Anstalt, der uns aus dem Schlaf riss. Es dauerte nicht lange, ehe die Sirene auf dem Hof ertönte und alles in Unruhe und hektische Betriebsamkeit brachte. Von überall tönte das Kommando „Antreten, antreten!“, während wir in unsere Uniformen schlüpften, im Dämmerzustand und ohne rechtes Bewusstsein, und uns vor dem Schlafsaal im Gang aufstellten. Schnell wurde getuschelt und gemutmaßt. War jemand auf das Anstaltsgelände vorgedrungen? Hatte es einen feindlichen Angriff gegeben? Die Minuten danach herrschte eine solche Ruhe und Angespanntheit unter den Kadetten, wie ich sie nie erlebt hatte, so dass jedem von uns bange wurde, etwas weitaus Schrecklicheres könne sich ereignet haben. Nach einiger Zeit stürzte der Truppenführer hinein, mit rot unterlaufenen Augen, die Mütze schief auf dem Kopf. Und sich grimmig vor uns aufbauend rief er: „Ihr Kamerad Franz Brugger ist verstorben. Schuss ins Genick. Mehr lässt sich momentan nicht sagen. Abtreten!“

Die Waffe, mit der der Schuss abgegeben worden war, hieß es im Nachhinein, war von Dreck und Zement verunreinigt. Johann war anschließend aus dem Dienst ausgetreten, und mir ist bis heute nicht bekannt, was danach mit ihm passierte.

Das Grundstück der Familie Brugger ist heute überwuchert von Unkraut, die vormals belaubten Hecken nur knochiges Gestrüpp, der Teich ein Tümpel in graugrün. Dazwischen sieht man stillgelegte Droschken mit zerbrochenen Deichseln, die ledernen Sitze des Kutschbocks sind aufgeplatzt durch Wind und Wetter, und auch das Haus selbst hat die Jahre nicht schadlos überstanden, steht gebuckelt wie ein Greis, während sich an den Fenstern der Staub zentimeterdick sammelt. Über Nacht war aus dem einst prachtvollen Anwesen eine Ruine geworden, die Familie weitergezogen, ihre Geschichte hatte sich für immer verändert. Hätte aus Franz jemals ein tüchtiger Kadett werden können? Daran gibt es berechtigte Zweifel. Aber niemand von uns hat je sein ganzes unbekümmertes Wesen vergessen, das wie ein Blitzschlag in die Anstalt gefahren und genau so schnell wieder verschwunden war. Denn manchmal reicht es aus, wenn die Wege zweier Menschen sich nur für einen Augenblick ihres Lebens kreuzen und etwas von dem einen in das andere hineinfällt, um das Universum zum Schwingen zu bringen.

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